WG/ Gemeinschaft/ Kommune/ Projekt von, für und mit Multis und Unos?

So, nun sind wir vom Los Geht’s wieder zurück und haben ganz viele tolle Sachen mitgebracht: neue Ideen, Vorstellungen, Eindrücke, Anregungen, Lesematerial, Workshoperfahrungen, Infos über andere Kommunen und über Kommunen allgemein und so weiter! Es hat sich wirklich sehr gelohnt, da hinzufahren und wir werden nächstes Jahr wieder dort sein! Mal ganz abgesehen davon, das das Veranstaltungs-, Informations- und Workshopangebot (und das vegane Essen!) klasse waren, dass das alte Rittergut mit den Gärten, dem angrenzenden Park und Naturschutzgebiet, wo es stattfand, einfach wunderschön war, es genügend, z.T. beheizte Räume für alles gab, so dass wir selbst dem ziemlich schlechtem Wetter trotzen konnten, dass alles gut vorbereitet war – die Athmosphäre war einfach nett und entspannt und (besonders durch die Kinder) fröhlich-bunt! Es waren etwa 150 Menschen dort, aber es lag nie irgendwo Müll rum, bei der Abreise wurde alles gleich mit abgebaut und aufgeräumt und abgewaschen, es hat echt gut geklappt.

Wir haben sogar auch Leute aus Hamburg und Umgebung getroffen, obwohl das diesjährige Los Geht’s den Schwerpunkt auf Sachsen und Thüringen gelegt hatte. Wir werden uns da weiter treffen und in Kontakt bleiben und sind gespannt, was noch draus wird…

Eine der wichtigsten Ideen, die wir hatten, ist, dass wir eine Land-WG oder Kommune hauptsächlich für Menschen mit DIS (oder DDNOS/ Ego-State-Disorder) aufbauen könnten. Wir würden wirklich gerne mit anderen Menschen zusammen leben, die ähnliche Erfahrungswelten haben wie wir. Unsere Innenkinder würden sich z.B. sehr darüber freuen, mit anderen Innenkindern spielen zu können und ähnliches gilt auch für Innenjugendliche. Inzwischen haben wir mehr darüber nachgedacht und finden die erste Idee etwas zu einseitig auf Multis (Menschen mit DIS) bezogen. Aber wir denken nach wie vor, dass wir in einer WG/ Kommune viel mehr wir selbst sein können und es uns viel besser ginge, wenn wir nicht die einzigen wären, die (schwer) traumatisiert sind und sich damit auch auseinandersetzen und versuchen, die Traumafolgen ins jetzige Leben zu integrieren, statt alles zu verdrängen, mit sich selbst auszumachen oder so zu tun, als wäre nichts (wobei wir das Verdrängen und So-tun-als-wenn-nichts-wäre nicht als grundsätzlich negativ hinstellen wollen – das sind häufig sehr notwendige Mechanismen/Strategien!). Wir würden weder Unos (also „normale“ Menschen ohne DIS) noch Multis ausschließen, aber Vorraussetzung wäre für alle, dass sie Respekt für alle Innenpersonen haben und sich um Verständnis bemühen, dass sie Trauma-Erfahrungen nicht anzweifeln, dass sie Trauma-Folgen (z.B. Trigger) ebenso akzeptieren wie die individuellen Heilungswege und Coping-Strategien (solange sie nicht über eigene Grenzen gehen) und nicht pädagogisch, pathologisierend oder sonst irgendwie kleinmachend oder entmündigend reagieren. Da es keine betreute WG wäre, müssten auch alle für sich selbst die Verantwortung übernehmen können. Es soll natürlich schon Hilfe und Unterstützung unter den Mitbewohner_innen geben, aber die ist immer auch begrenzt. Daher kann sich keine_r auf die Mitbewohner_innen als Stütze verlassen, sondern muss entweder selbst stabil genug sein, oder anderswo Unterstützung haben, sei es durch ambulante oder stationäre Therapie, durch Beratungsstellen oder Betreuer_innen oder was auch immer. Wir selbst haben auch eine Betreuerin, eine ambulante Therapeutin und eine Klinik, wo wir zur Krisenintervention hinkönnten, wenn es anders nicht mehr ginge (was wir aber nicht hoffen und auch nicht sehr wahrscheinlich ist).

Wir wünschen uns eine WG, Gemeinschaft oder Kommune, in der die verschiedenen Menschen viel gemeinsam unternehmen, sich gegenseitig helfen, miteinander sprechen und wo die Gruppe zusammenwächst. Gewaltfreie Kommunikation (GfK) oder Ähnliches finden wir z.B. sehr hilfreich, um möglichst konfliktfrei miteinander umzugehen bzw. Konflikte konstruktiv zu lösen. Außerdem haben wir schon öfter die Erfahrung gemacht, dass es Gruppen unglaublich hilft und sie zusammenbringen kann, wenn sie einfach was gemeinsam machen, sei es kochen und essen, sei es etwas bauen, sei es ein Ausflug oder eine gemeinsame Arbeit. Trotzdem müssen natürlich alle jederzeit die Möglichkeit haben, sich zurückziehen zu können und ihren eigenen Freiraum zu haben. Nichts sollte ein Zwang oder ein Muss sein.

Tja, was haltet ihr von der Idee einer WG/ Kommune/ Gemeinschaft von, für und mit Multis, Unos, traumatisierten und nicht-traumatisierten Menschen und allen, die dazwischen sind? Würdet ihr da mitmachen wollen? Wenn ja, bitte melden! Wenn nein, warum nicht?

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3 Antworten zu “WG/ Gemeinschaft/ Kommune/ Projekt von, für und mit Multis und Unos?

  1. Claudia Koltzenburg

    danke sehr für diesen Bericht und den Aufruf, was zu schreiben. Ich trau mich mal, zu sagen, dass mich Wohngemeinschaften und ihre Prozesse sehr interessieren, lebe selbst in einer 3-er-WG und war schonmal ein Jahr oder so an der Entstehung eines Wohnprojekts beteiligt. Wir konnten uns dann aber von unserer gut funktionierenden WG und der Wohnung drumrum nicht trennen – und das ist auch heute noch so. Also würde ich aktuell nicht einsteigen, das ist der eine Grund. Der andere Grund – meine Uno-Schüchternheit im Umgang mit Multis (ist es ok, das so zu sagen?) – bringt mich zu der Frage, ob ich hier einen Tipp bekommen könnte, ob es irgendwo mal einen Sensibilisierungsworkshop für Unos im Umgang mit Multis gäbe? Beim LFT 2010 (http://www.lesbenfruehling.de/hamburg2010) habe ich einen netten Kontakt gefunden und zudem gab es eine Veranstaltung, in der der Film „Viele sein oder „Viele-Sein“ gezeigt wurde, von der guten Atmosphäre in diesem Workshop habe ich einen sehr interessanten kurzen Bericht gelesen. Das hat mich gefreut. Die Ankündigung der Veranstaltung siehe Programmheft s. 78, das jetzt als 8MB-pdf im Netz zu haben wäre.

    • Wenn eine WG so gut und das auch noch dauerhaft funktioniert, ist das doch klasse! Glückwunsch! 🙂

      Uno-Schüchternheit, das hast du gut ausgedrückt. Kennen wir auch, und zwar aus der Zeit, wo wir das erste mal Multis kennenlernten, aber selbst noch „sicher waren“, dass wir Uno sind. Da wussten wir erstmal kaum, was das ist, geschweige denn, wie wir damit umgehen sollen. Und darauf gibt es auch keine allgemeinen Antworten. Wir haben ja versucht zu erklären, was das Viele-Sein für uns bedeutet, vielleicht sollten wir noch dazuschreiben, was für einen Umgang wir uns von anderen (da ist es übrigens egal ob selber Uno oder Multi oder was dazwischen oder wie auch immer) wünschen. Wir wünschen uns Respekt, dass uns geglaubt wird, wir ernstgenommen werden und akzeptiert werden und dass alle Innenpersonen als vollwertige Menschen betrachtet und auch behandelt werden. Neugier ist auch gut.

      Bisher haben wir bis auf eine Ausnahme (Therapeutin einer Traumaklinik…) auch noch keine negativen Erfahrungen damit gemacht, dass wir uns nach und nach immer mehr trauen, zu unserem Viele-Sein zu stehen. Wir merken ja auch, ob es wer gut mit uns meint oder nicht und sind dann nicht nachtragend.

      Wir finden es auch toll, wenn wir als Viele angesprochen werden oder Innenpersonen direkt angesprochen werden, statt immer nur der „einen Alltagsperson“ (sind bei uns auch mehrere). Aber das gilt für andere Multis bestimmt so nicht und für uns selbst auch nicht immer und überall, z.B. nicht, wenn Menschen dabei sind, die nicht wissen (sollen), dass wir Viele sind.

      Ein Sensibilisierungsworkshop für Unos im Umgang mit Multis – klasse Idee! Von sowas haben wir bisher noch nicht gehört oder drüber nachgedacht. Aber das ist echt ne klasse Sache, der es nachzuforschen und vielleicht sogar selbst zu machen gilt. Falls wir was tolles finden oder gar selbst (mit-)machen, sagen wir bescheid!

      Liebe Grüße,
      Meeresbande

  2. Claudia Koltzenburg

    prima, freut mich, wenn ich davon dann was mitbekommen könnte, danke euch 🙂

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